Bolero: Rausch in Bildern und Musik

Wie konnte ein so sinnliches Werk wie das „Bolero“ aus einem eher introvertierten, scheinbar der fleischlicher Lust abgewandten Menschen, entspringen?

Darum geht es in diesem biographischen Film über Maurice Ravel, in dem die Entstehung des berühmten Orchesterstückes im Mittelpunkt steht.

Dabei wird die Persönlichkeit des Künstlers ausgeleuchtet, seine prägende Bindung zu der Mutter, seine asexuelle Beziehung zu Frauen, seine Verschlossenheit. Als ob das Feuer, das tief in ihm gesteckt haben muss, sich erst in der Musik habe entfachen können.

Eine Musik, auf die man in dem Film warten muss, da der kreative Prozess, mit den Einflüssen aus dem Jazz und aus der Populärmusik, einen großen Teil der Story ausmacht. Aber wenn das Werk plötzlich entsteht, dann ist es in der Lage, das Publikum in einen Rausch zu versetzen. Ein Rausch, der in der letzten Szene seinen Höhepunkt findet.

Eine Kameraarbeit, die durch elegante Bilder und Kostüme den Zuschauer in die Zeit de la Belle Epoque gekonnt versetzt, und zwei Schauspieler, die in der Rolle von Ravel und seiner Vertrauten Musia eine ikonische Ausstrahlung haben, verleihen diesem Rausch eine visuelle Komponente, welche in einem gelungenen Film nicht fehlen darf.

Pfau – Bin ich echt?

In dieser österreichisch-deutschen Tragikomödie geht es um ein wichtiges Thema: Konformität, d.h. die Anpassung an den Rollen, die uns die Gesellschaft abverlangt.

Das Thema wird durch einen geschickten Plot ad absurdum geführt. Es geht um den besten Mitarbeiter der Agentur „rent-a-friend“, welcher die Rollenanapassung als Beruf betreibt. Mal wird er als kultivierter Begleiter für einen Konzert angeheuert, mal als fiktiver Partner für eine Wohnungsbesichtigung, mal als eloquenter Sohn für den Geburtstag eines vermögenden Zeitgenossen.

Dabei schlüpft Matthias so vollkommen in die von den Kunden gefragten Rollen, dass seine eigene Persönlichkeit an Substanz verliert. Seine Frau stellt fest, dass er  keine eigene Meinung, keinen eigenen Profil mehr hat und verlässt ihn. Ab diesem Zeitpunkt setzt bei Matthias eine Krise ein. Er stürzt in die Einsamkeit, eine neue Beziehung gelingt ihm nicht, ihm bleibt nur ein Hund. Auch bei der Arbeit läuft manches schief. Langsam beginnt er, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Bis die Veränderung den Kipppunkt erreicht.

Es ist kein Zufall, dass die Story bei der bürgerlichen Oberschicht angesiedelt ist. Eine Welt von schönen Häusern, Schwimmbädern und Designermöbeln, wo Yoga-Kursen und merkwürdige Performance-Künstler nicht fehlen. Hier wird der Film zur Gesellschaftssatire: Je höher der soziale Status, desto größer die geforderte Anpassung.  

Ein Film mit Identifikationspotential: Der Zuschauer wird sich leicht in Matthias wiederspiegeln. Jeder erlebt Rollen als Zwang, aus denen man ausbrechen möchte. Jedoch umgekehrt: Jeder klatscht, wenn andere klatschen.

Der Film arbeitet mit Symbolen: Der titelgebende Pfau für Eitelkeit, der große Hund für die verlorene Männlichkeit, die Kleiderkammer für die Rollen, in die man steigen muss. In diesem Sinne ist die Nacktheit, die Matthias in der letzten Szene endlich erreicht, ein Symbol für Freiheit. Mit den Kleidern hat er endlich die ihm abverlangten Rollen abgelegt.

Der Lehrer, der uns das Meer versprach

Dieser Film, der in Spanien zum Publikumserfolg wurde, besticht durch die gelungene Interaktion zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die den Zuschauer emotional mitnimmt.

In der Kernstory geht es um einen Lehrer, der 1935 (kurz vor der Diktatur) es mit neun pädagogischen Ansätzen schafft, die Kinder einer Grundschule für den Unterricht zu begeistern. Leider ist der beliebte Lehrer auch politisch nicht konform. Bei der Machtübernahme durch die Rechten nimmt die Geschichte ein böses Ende.

Eingebettet ist die Story in einer Rahmenhandlung, die in der heutigen Zeit spielt: Auf der Suche nach den sterblichen Überresten ihres Urgroßvaters –  eines der unzähligen Opfer der Franco-Diktatur – trifft eine junge Frau auf einen sehr alten, jedoch noch rüstigen Mann, welcher ihr die Geschichte seines damaligen Dorflehrers erzählt: Wie er ganz anders unterrichtet hat, wie ihn die Schüler geliebt haben, wie er von rechten Milizen gefangen wurde.

Nach dem Besuch der alten Schule und die Einsichtnahme in Fotos und Dokumenten begreift die junge Frau, dass ihr geliebter Großvater einer der Schüler war.  In dem Pflegeheim mit Terrasse, wo er jetzt auf einem Rollstuhl sitzt und vor sich hin auf das Meer schaut, kann sie ihm ein Foto  und ein paar Erinnerungstücke zeigen. Dies kann dem alten Mann, der den Verstand verloren hat, noch ein Lächeln entzaubern.

Ein Film über Geschichte und die Spuren, die vergangenen Diktaturen in der heutigen Zeit hinterlassen haben. Diktatur bedeutet kurzer Prozess mit Andersdenkenden und Regimekritikern. Noch heute werden in Spanien Massengräber entdeckt, und hunderttausende sind immer noch vermisst.

Die Emotionen, die der Film in jedem Zuschauer erwecken wird, entstehen zum einen aus der gekonnten Parallelmontage der Erzählebenen. So verwandeln sich die kranken, alten Leute von heute in den munteren, hübschen Kindern von damals, als ob die Zeit nicht vergangen wäre. Dabei wird ein universelles Thema hervorgerufen, welches auch nicht spanische Zuschauer ansprechen wird.

Zum anderen identifiziert man sich gerne mit der jungen Frau und ihrer Suche nach Wurzeln. Man identifiziert sich mit den Kindern, die sich für den neuartigen Unterricht begeistern. Und man wird den Lehrer, Held und Opfer der Geschichte, lieben.

The Brutalist: Architektur des Schmerzes

Worum geht es? Auf einem Flüchtlingsschiff erreicht der fiktive Architekt Laszlo Toth das gelobte Land Amerika, direkt nach dem zweiten Weltkrieg. Nach einer Zeit der Entbehrung und der Obdachlosigkeit findet er einen reichen Gönner, in dessen Villa er einen Bibliothekraum so innovativ gestaltet, dass der Erfolg nicht ausbleibt. Der reiche Geschäftsmann beauftragt ihn mit einem größeren Bauprojekt. Daraus macht Toth einen Bau mit hohen Türmen, klaren Linien, Beton und Marmor. Ein Gebäude im Stil des Bauhauses in Dessau, wo er studiert hat. Jedoch bricht irgendwann der Konflikt zwischen der Welt des Geldes und der Welt der Kunst aus. Der ohnehin drogenabhängige Toth erlebt einen Rückschlag, bis zur überraschenden Wendung.

Wer sich für Architektur interessiert, wird auf seine Kosten kommen. Die langen Kamerafahrten auf und in den Bauten spielen in diesem Film die gleiche Rolle wie die Musik bei einem Italo-Western. Mit ihrer Kargheit, der Nacktheit der Materialien, den verschlungenen Gängen,  stehen sie symbolisch für die Zerrissenheit des Protagonisten, einem Holocaust Überlebenden, der in den USA gestrandet ist und sich nicht wirklich zu Hause fühlt. Doch die immer wieder eingeblendeten Lichtöffnungen in den Decken  stehen für die Hoffnung, dass man aus dem Trauma entkommen kann.

Ein Film, der trotz Überlänge spannend bleibt und den Zuschauer in seinen visuellen Bann zieht. Dies auch dank der großartigen schauspielerischen Leistung von Adrian Brody. Sein schmerzhafter Gesichtsausdruck bildet einen Kontrapunkt zu den klaren Linien der Bauwerke, als ob diese aus dem Schmerzen entstanden, jedoch in der Lage wären, diesen Schmerz zu bereinigen.

Ein Film mit vielen Themen: die Flucht aus Europa nach dem Holocaust, der Konflikt zwischen Arm und Reich, das Verhältnis von Kunst und Drogen.

Letztendlich ein Film über Kunst, sowohl inhaltlich als auch dank der visuellen Ausdrucksstärke des Schnitts und der Kameraarbeit.